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Wikipedia Italien vom Aussterben bedroht?

Italien hat möglicherweise bald ein Problem. Ein neuer Gesetzesentwurf könnte die Meinungsfreiheit im Netz stark einschränken, sollte er in den entscheidenen Gremien auf Zustimmung stoßen. Davor hat auch die italienische Ausgabe der Wikipedia Angst und schreibt auf ihrer Seite darüber:

Dieser Gesetzesentwurf, den das italienische Parlament zurzeit debattiert, enthält neben anderen Dingen eine Verpflichtung für Webseiten, innerhalb von 48 Stunden kommentarlos jegliche Korrektur am Inhalt vorzunehmen, die der Antragsteller im Interesse seiner Reputation fordert.
Unerfreulicherweise verlangt dieses Gesetz keine Evaluation durch eine unabhängige dritte Person. Ausschließlich die Meinung der angeblich beleidigten Person oder Organisation genügt, um die geforderten Korrekturen an der Webseite durchsetzen zu lassen.

So etwas geht natürlich gar nicht und hat auch nichts mehr mit Meinungs- und Pressefreiheit zu tun. Wollen wir hoffen, dass die Poltiker in Italien Köpfchen haben und den unsinnigen Entwurf ad acta legen.

World Day Against Cyber Censorship

Die Presse- und Meinungsfreiheit ist eines der höchsten Güter, das wir haben. Leider ist diese Freiheit nicht überall auf der Welt gewährleistet. Die Vorfälle in Ägypten haben dies jüngst eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Zensur im Internet findet statt, jeden Tag aufs Neue. Reporter ohne Grenzen veranstaltet heute zum vierten Mal den Tag gegen Internetzensur.

Auf dieser Seite gibt es wichtige Informationen und Fakten zur Internetzensur weltweit.

Facebook und die NPD

Mehrere Facebook-Kontakte luden mich neulich dazu ein, der Seite “Kein Facebook für Nazis – NPD Seite löschen!” beizutreten. Schon einmal vorweg: Ich bin nicht beigetreten und finde auch das Bestreben dieser Seite bedenklich. Sie fordert nämlich indirekt die Zensur einer in Deutschland zugelassenen Partei. Auch wenn der Verfassungsschutz das Handeln der NPD streng beobachtet und ich das Parteiprogramm nicht gutheiße, würde das Löschen einer solchen Seite jeder Grundlage entbehren.

Meine Einstellung hierzu hatte ich bei Twitter und auf Facebook kundgetan, was für viele Kommentare sorgte. Einen Auszug der Meinungen möchte ich Euch an dieser Stelle präsentieren:

“es geht mehr darum, dass facebook als “nicht politisches konstrukt” von seinem hausrecht gebrauch macht und der npd keine plattform bietet. so wie jeder disco-besitzer entscheiden kann, ob er skinheads in seinen laden lässt oder nicht. die demokratische frage ist da eher zweitrangig”

“Prima. Dann warte ich darauf, bis die ersten sämtliche Linken-Seiten, CDU- und FDP-Mitglieder verbannen und SPD-treue hier ermitteln und denunzieren. Viel Spaß dabei. [...] Das alles sind Parteien. Parteien, die im Sinne der Demokratie existieren und ihre Ansichten verbreiten dürfen. Und ich glaube, selbst wenn die NPD als verfassungsfeindlich eingestuft würde, wäre das Facebook auch recht egal.”

“ich erkenne darin keinerlei widerspruch, denn die existenz dieser gruppe und ihrer mitglieder ist in meinen augen auch eine form der wahl und der gestaltung durch die facebookler.”

“Ich würde mir wünschen, dass Facebook ein Zeichen setzt und von seinem Hausrecht Gebrauch macht. Zudem würde ich mich freuen wenn Parteien generell solch ein Netzwerk nicht als Forum nutzen könnten. Für mich sind Social-Networks Unterhaltung & Entertainment und keine politische Bühne.”

“Facebook ist ein Unternehmen, dass eine Dienstleistung anbietet. Damit haben sie das Recht festzulegen wer diese in Anspruch nehmen kann und wer nicht. Soweit ich informiert bin, hat die VZ-Gruppe z.B. eben jene Seite “ausgeladen”.”

Ein entscheidender Punkt ist dabei, wie man Facebook an sich einordnet. Für mich ist das nicht nur ein Unternehmen, das in den AGB bestimmte Nutzer ausschließen könnte. Facebook ist in seiner Größe eher ein öffentlicher Raum, in dem die Meinungsfreiheit gelten sollte. Im Übrigen auch die Meinung ungeliebter oder sogar gehasster Parteien bzw. Einzelpersonen. So lange die NPD in Deutschland als Partei anerkannt und als solche geduldet ist, sollte sie das gleiche Recht besitzen wie alle anderen. Seiner Einstellung gegen die NPD kann man vielfältig nachgehen. Die Forderung nach einer Löschung aber, hat wenig mit Demokratie zu tun.

Gegen Internetsperren: 50.000 Mitzeichner

Ursula von der Leyen als Zensursula
Wenn jemanden in Deutschland etwas stört, kann er eine Petition an den entsprechenden Stellen einreichen. Das sieht das demokratische System als Möglichkeit der Meinungsäußerung vor. Seit 2005 können zudem Bürger ihre Petitionen, die den Bundestag betreffen, im Internet einreichen und um Mitzeichnung bitten. Finden sich mindestens 50.000 Mitzeichner, erhält der Initiator der Petition (Petent) in der Regel ein Rederecht vor dem Petitionsausschuss. Diesen Versuch startete Franziska Heine im Fall der von Bundesfamilienminisiterin Ursula von der Leyen initiierten Internetsperren. Mit Erfolg. Inzwischen ist die Marke von 50.000 erreicht.

Viele große Internetprovider verpflichten sich in Zukunft bestimmte Internetseiten zu blockieren und durch ein Stoppschild zu ersetzen. Freiwillig, wohlgemerkt. Von der Leyen möchte damit der Kinderpornografie im Netz einen Riegel vorschieben. Kritik wird von Heine und tausenden anderen Usern nicht am eigentlichen Vorhaben geübt, sondern an der Methode. Eine Zugangssperre zu Seiten mit kinderpornografischem Inhalt sei der falsche Weg und führe am Ziel vorbei, erklären die Gegner. Selbst Missbrauchsopfer machen mobil gegen diese Sperren. Christian Bahls ist eines dieser Opfer. Im Interview mit ZEIT ONLINE sagte er:

Da ist irgendwo im Internet ein Missbrauch dokumentiert und die Bundesregierung schaut weg. Und sagt uns Bürgern, wir sollen auch wegschauen. Was noch viel krasser ist: Es werden zwischen den Staaten nur die Sperrlisten für die Filter ausgetauscht. Doch niemand bekämpft in seinem eigenen Land die Server, auf denen die Inhalte lagern. Wenn die zu den 1.500 Adressen gehörenden Server in den USA, Holland, Kanada und Deutschland dicht gemacht würden, die derzeit existieren, wären 90 Prozent der weltweit mit einem Browser erreichbaren Kinderpornografie nicht mehr verfügbar.

Ursula von der Leyen wird unterdessen liebevoll als “Zensursula” bezeichnet. T-Shirts mit ihrem Konterfei werden kostenlos im Internet angeboten. Die Netzkultur engagiert sich, äußert sich in Blogs und Tweets gegen diese Sperren.

In der Tat kann man diesen Eingriff in die Informationsfreiheit als Zensur einstufen. Keiner hat einen Einblick in die Listen der zu sperrenden Webseiten, die vom Bundeskriminalamt verwaltet werden. Keiner weiss, wie und ob betroffene Seiten vom “Index” genommen werden, sobald die Inhalte der Seite wieder “clean” sind. Von Transparenz keine Spur. Darüber hinaus sind sich zahlreiche Experten darüber einig, dass durch solche Sperren Kinderpornografie nicht eingedämmt werden kann.

Die Angst ist groß, dass dies nur der erste Schritt zu einer großangelegten Zensurwelle sein könnte. Tauschbörsen und andere Seiten mit “unerwünschten” Inhalten könnten schon bald auch Thema einer Internetsperre werden. Es verhält sich wie in anderen Bereichen des Lebens: Wenn erstmal eine bestimmte Grenze überschritten wurde, fällt es in den folgenden Malen leichter.

Unterstützung wird nach wie vor benötigt. Wer die Petition unterzeichnen möchte, findet sie auf der Petitionen-Seite des Deutschen Bundestags.