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Doherty und die Deutsche Hymne

Die Besucher des on3-Festivals zuckten für einen Moment zusammen. Hatten sie sich verhört oder sang Pete Doherty tatsächlich aus der ersten Strophe des Deutschlandlieds vor? “Deutschland, Deutschland über alles!”, ertönte es im Studio 1 des Bayerischen Rundfunks. Die betreffende Zeile war in der NS-Zeit Teil der Deutschen Hymne. Und es war tatsächlich der Frontmann der Band Babyshambles, dessen Gig auch auf der Kulturwelle Bayern 2 live zu hören war. Dabei hatte beim Festival niemand mit Doherty gerechnet. Er wurde als Überraschungsgast gebucht und war als Höhepunkt des Festivals gedacht. Zuvor spielten viele kleinere Bands, ehe sich Pete Doherty wohl unwissentlich diesen Faux Pas erlaubte.

Wer über die Drogen- und Alkoholexzesse Dohertys Bescheid weiß, muss sich nicht wundern, wenn sich der Brite daneben benimmt. Er ist für seine Entgleisungen bekannt. In der Stellungnahme des Bayerischen Rundfunks hieß es, man habe zum nächstmöglichen Zeitpunkt das Konzert abgebrochen. Für viele ging das wohl nicht schnell genug, liest man in den Kommentaren auf dem on3-radio Blog.

Eigentlich ein Armutszeugnis für einen öffentlich-rechtlichen Sender, einen solchen Vorfall nicht unverzüglich handhaben zu können. Pete Doherty hat sich unterdessen für seinen Fehler entschuldigt, allerdings erst nachdem ihn der Bayerische Rundfunk dazu aufgefordert hat. Sein Management ließ verlautbaren, dass Doherty selbst jüdischer Abstammung sei und sich bereits in der Vergangenheit gegen Rassismus und Faschismus engagiert habe, unter anderem in der Organisation “Love Music Hate Racism“.

Die Medien und die Blogger

Die Internetkonferenz “re:publica’09” bekam in den letzten Tagen ein mehr oder weniger großes Medienecho. Genügend Zeit ist verstrichen, um die unterschiedlichen Berichte im Internet und in Zeitungen zu lesen, die Fernsehbeiträge zu sehen und den Grundtenor herauszuhören. Am Ende sind die Blogger selbstverliebt, leben an der Realität vorbei und bewerten die Blogosphäre über. Die Relevanz des Web 2.0 wird immer wieder in Frage gestellt. Die Twittergemeinschaft verbreite jeden Müll auf 140 Zeichen, notwendig sei das nicht.

Etwas erstaunt bin ich über die Berichterstattung von Medien wie “On3 Südwild“, dem jungen Magazin des Bayerischen Rundfunks. Die Fragestellung des Jungredakteurs, der samt Kameramann am Friedrichstadtpalast seine Runden drehte, war zielgerichtet: “Würdest du deine Tweets auch auf Post-Its kleben?”, “Was ist das besondere an Twitter. Bitte nur auf 140 Zeichen antworten”. Das mag durchaus kreativ sein, verfehlt aber das Thema gänzlich. Denn der Zweck ist im Vergleich zu den kleinen gelben Zetteln ein völlig anderer. Meine Vermutung über die Intention des Autors hat sich heute bestätigt, als ich den fertigen Beitrag on demand gesehen habe. Von “Belanglosigkeiten” und “Datenmüll” ist hier die Rede. Tweets seien also nur Trash. Meine Antworten, die sich durchaus kritischer auf twitter bezogen, wurden rausgeschnitten. Interessant ist allerdings, dass “Südwild” selbst über einen eigenen Twitter-Account verfügt.

Natürlich lief bei der “re:publica” nicht alles gut. Natürlich waren einige Panels mangelhaft und wurden auch meinen Erwartungen nicht gerecht. Natürlich sind viele der sogenannten Alpha-Blogger sehr von sich überzeugt. Auch blieben wieder viele Fragen offen. Doch als Arroganz habe ich diese Veranstaltung nicht empfunden, auch nicht deren Macher oder Teilnehmer.

Die Welt wird vermutlich durch Blogs nicht maßgeblich verändert. Ich denke aber gerne an den Vortrag von Geraldine de Bastion zurück, “Blogging in Africa“. Er zeigte, dass die Meinung und Wahrnehmungen eines Bloggers aus Kenia, die dortigen Wahlen unverfälschter darstellten als die Berichterstattung der Medien vor Ort.

Letztendlich entscheidet über die Relevanz einer Ausdrucksform jeder einzelne selbst.