Der Typ neben mir nervt. Auf seinem Gameboy Advance SP spielt er irgendein rundenbasiertes Rollenspiel und hört lautstark Technomusik. Als würde es nicht reichen, daß der ICE überfüllt ist. Ein Regionalexpress ist ausgefallen und die Passagiere dürfen nun bis Erlangen den ICE 1506 kostenlos mitnutzen. Auf dem Flur geht gar nichts mehr, selbst die Eingangsbereiche zwischen den Wagen sind so überfüllt, daß Leute vor dem Zug anstehen und nicht mehr reinkommen. Eine beengende Situation, und ungemütlich zugleich. Von weitem höre ich den Schaffner am Telefon: “Mit dieser Besetzung fahr’ ich nicht los.” Selbst ihm scheinen es wohl zuviele Leute zu sein. Schlließlich fährt der Zug nun doch ab und die Lage entspannt sich ab Erlangen ungemein. Ab Bamberg werde ich auch den komischen Typen neben mir los. Allmählich merke ich jedoch, daß eine kurze Hose im ICE tödlich ist. Wie immer ist es im Großraum viel zu kalt, die Klimaanlage der Bahn hat mich bisher bei jeder Fahrt maßlos enttäuscht. Bei Neigetechnik und 300km/h werden sie es doch wohl schaffen auch eine angenehme Temperatur zu erzeugen. Wenigstens ein einziges Mal! In meinem Wagen ziehen sich immer mehr Leute Jacken an, bei einer Außentemperatur von 28 Grad. Um es gleich vorweg zu nehmen, auch die Rückfahrt war nicht besser temperiert.
In Leipzig sehe ich schon am Bahnhof sehr viele Leute in schwarzen Klamotten, teilweise mit zerissenen Strumpfhosen, Ketten um den Hals, Handschellen und blass geschminkt. Dass an diesem Wochenende Wave- und Gothictreffen war wusste ich nicht. Die ganze City stand im Zeichen dieses Treffens und obwohl die Leipziger daran gewöhnt sein sollten, gibt es immernoch genug ungläublig schauende Menschen, die distanziert einen Beobachtungsposten einnehmen, scheint es mir. Nach einem kurzen Bummel in der Stadt kommt nun auch Katharina an. Natürlich mit einer Verspätung. Hatte ich in diesem Eintrag schon über die Bahn gelästert? Wenn nicht, tue ich es jetzt.
Das Wochenende war sehr schön. Verwandte von Katharina stellten uns ihre ungenutzte Wohnung zur Verfügung, die im selben Haus war, wie auch die Wohnung von Katharinas Oma. Der selbstgemachte Streuselkuchen war also mal wieder garantiert. Und wie immer war er unglaublich lecker. Neben dem obligatorischen Stadtbummel machten wir auch die Erfahrung mit “Lorelei und Luke”. Damit ist nicht die Serie “Gilmore Girls” gemeint, sondern das Hellseher-Ehepaar Lorelei und Luke. Woher die wohl ihre Künstlernamen her haben? Diese Show hat uns über eine Stunde gefesselt, aufgrund ihrer unfassbaren Idiotie. Bei anderen Astroshows werden wenigstens die Karten gelegt oder es wird ein Horoskop erstellt. Bei Lorelei und Luke genügt die Stimme des Anrufers, um Kontakt mit dem Jenseits aufzunehmen, Prognosen über die Zukunft abzugeben oder auch einmal einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Luke nuschelt ins Mikro und wirft mit Altersdaten um sich (“Erinner dich mal als du 33 warst… und als du 28 warst… und als du 24 warst… du weisst schon was ich meine”) und Lorelei scheint die Passivität in ihrer ehelichen Beziehung auch vor der Kamera auszuleben (“Gut Luke, wenn du das so sagst, ich sehe das anders, dann bin ich eben jetzt still”). Was für eine Zicke. Leider empfange ich diesen Sender, ich glaub er heißt Telemedial, nicht zuhause. Womöglich ist das aber auch besser so. Alleine könnte ich ihn wohl nicht ertragen, aber kuschelnd auf dem Sofa ist das eine angenehme Unterhaltung. Am Sonntagabend stieg ich wieder in den ICE in Richtung Heimat, denn das Loop hatte mich als Gast-DJ bei “Indie Ohrgasm” gebucht.
Pfingsten war schön, aber nachdem im Sender alle zu Bazillenmutterschiffen mutiert sind und es im ICE unglaublich kalt war, sitze ich jetzt mit einer heftigen Erkältung vorm PC. Die erste richtige Erkältung seit Monaten. Ich bin stolz auf mich.