Muss Facebook vor Google+ zittern?

Google Wave sollte einst die E-Mail-Nutzung revolutionieren. Das Projekt ging gewaltig in die Hose. Mit Google+ versucht sich Google jetzt an einem Social Network. Ich habe die Plattform gestern Nacht einige Stunden getestet.

Das positive Echo bei Twitter und bei Google+ selbst hat mich doch etwas überrascht. Denn das, was ich in den ersten Stunden Nutzung gesehen habe, war nichts Neues. Hochgelobt wurden die sogenannten Circles, die einzelnen Nutzergruppen, in die man seine Kontakte einteilen kann. Von einer deutlich besseren Usability als bei Facebook war hier die Rede. Ich hatte bisher aber keinerlei Probleme meine Freunde bei Facebook in Listen einzuteilen und Statusmeldungen und Content nur bestimmten Nutzern zugänglich zu machen. Klar, Circles sind ne nette Spielerei und das Hin- und Herverschieben sieht dank HTML 5 schick aus, bringt aber keinen echten Mehrwert.

Überhaupt sieht der Aufbau wie ein Klon Facebooks aus. Etwas minimialistischer, etwas aufgeräumter aber im Großen und Ganzen doch sehr ähnlich. Ein Filtermöglichkeit des Streams, der nach Circles gefiltert werden kann auf der linken Seite, in der Mitte die Statusupdates bzw. Fotos der hinzugefügten Kontakte (der eigentliche Stream), und in der rechten Spalte Freund-Empfehlungen und eine Kurzübersicht der Circles, die im Deutschen schlicht Kreise genannt werden.

Einen maßgeblichen Unterschied gibt es dann doch: Die fehlende Pinnwand. Mein Profil ist zwar mit den üblichen Informationen wie Wohnsitz, Familienstand und Co. ausgestattet, nicht aber mit einer Pinnwand auf die ich oder meine Freunde Informationen schreiben können. Stattdessen erscheinen auf dem Profil alle bisher von mir veröffentlichen Statusmeldungen.

Hangouts gibt es auch, das sind Video-Gruppenchats. Ein Feature, das für mich persönlich kaum Verwendung finden wird. Habe ich bei Skype auch fast nie benutzt. Vielleicht setzt sich das aber verstärkt durch.

Ein Facebook-Konkurrent muss über ein Alleinstellungsmerkmal verfügen, will es sich denn behaupten oder gar seinen Gegenpart ausspielen. Oder die Dinge deutlich besser machen. Freunde, Fotos, Circles und ein Videochat sind noch nicht die Neuerung, die die Massen bewegen wird. Im Zusammenspiel mit Googles +1 und der generellen Integrierung in das Google-Umfeld (Statusupdates über die dunkelgraue Google Toolbar) hat Google+ aber ein großes Potenzial. Es ist nur eine Frage der Zeit bis Drittanwender Applikationen entwickeln dürfen. Wenn Google schlau ist, erlauben sie das nicht sondern richtet sein Augenmerk auf den Kern eines Sozialen Netzwerks: Die Kommunikation und den Austausch untereinander. Keine Firmenseiten, keine doofen langweiligen Spiele. Dafür eine schöne App, die bereits für Android erhältlich ist und überwiegend stabil läuft.

Nun, Facebook oder Google+ oder eine parallele Nutzung? Was sich durchsetzen wird, weiß natürlich keiner. Sicher ist aber auch, dass Google das nicht nur aus good will für seine Kunden macht sondern auch etwas dafür haben will. An Social Media kann man gut verdienen und die Zeit ist reif, dass Google ein Stück von dem Kuchen haben will. Habt ihr Google+ schon ausprobiert?

7 Kommentare zu “Muss Facebook vor Google+ zittern?

  1. Ja, hab ich ausprobiert und bin ähnlicher Meinung wie Du: Kein wirkliches Alleinstellungsmerkmal in Sicht und die Chance liegt wahrscheinlich in der generellen Omnipräsenz von Google (z.B. bei mir). Robert Basic hat es im Übrigen auch gut formuliert: Facebooks Charme liegt in seinem Chaos, weil es irgendwie eben typisch für eine Community wirkt – Krimskrams, laufende Änderungen, Unvollkommenheit. Dagegen wirkt Google+ clean wir vom Reißbrett. Für mich wird es sicher zum Austausch von Informationen in bestimmten “Kreisen” eine Zukunft haben, aber der Ort einfach digital zu plaudern und neuesten Tratsch und Klatsch auszutauschen wird in Facebook bleiben, vorerst. Und vielleicht tut das Google+ auch ganz gut.

  2. Naja, auch Facebook war ja mal schön aufgeräumt und übersichtlich – zumindest als ich dort anfang (ziemlich schnell nach der Öffnung für deutsche Universitätsadressen). Damals war das auch nur Pinnwand, Fotos, Nachrichten. (an den Chat erinner ich mich nicht da hab ich aber damals nicht danach geschaut)

    Ich persönlich mag das Aufgeräumte – bei allen Webseiten – sehr und finde es eher Grund zum Abwenden wenn Seiten zu viele Dinge entwickeln und zu viel anbieten was ich nicht brauche.

    Die Circles finde ich gegenüber den Listen deutlich intuitiver muss ich sagen, oder aber ich habe einfach bei meiner erneuten FB-Nutzung vor lauter Krimskrams noch nicht mitgekriegt wie man Statusupdates nur mit bestimmten Listen teilen kann.

    Eine Art Pinnwand oder die Möglichkeit direkte Nachrichten zu schicken fehlt Google+ allerdings noch – es sei denn ich habs übersehen. Aber ist ja ncoh ne Beta, da kann ja noch einiges kommen.

  3. Konni, ich glaube du verpasst den Punkt, und ich zitiere hier mal den Herrn Wichmann (http://uarrr.org/2011/07/01/warum-google-das-bessere-social-network-ist/):

    “Das geht so weiter. Was ist der beste Mailanbieter? Google. Was ist der beste Kalenderanbieter? Google. Besten Cloud-Officeanwendungen? Google. Bester RSS-Reader? Google. Was passiert, wenn man das alles mit einem Social Network verbindet, Dateien direkt mit Freunden teilen kann, Leseempfehlungen direkt in den Stream schicken kann? Es passiert folgendes: Es macht Spaß, ist leicht und für jeden angenehm. Euch fehlt ein Nachrichtenfeature in Google+? Nein, es gibt Mails. Euch fehlen die Events? Nein, es gibt Calendar.”

    Das ist der Punkt: wir alle nutzen Google (+) bereits jetzt, wissen es nur noch nicht.

  4. Ich sehe das anders. Denn wir gehen hier von uns aus, nicht von der breiten Masse. Und die breite Masse will alles an EINEM Ort.

    GMail und Google Calendar exisiteren PARALLEL zu Google+. Sie sind nicht in + integriert, zumindest noch nicht. Und das macht für mich den entscheidenen Unterschied aus.

    Klar kann ich die jeweiligen Systeme wie Mail und Kalender über die Toolbar aufrufen, aber sie sind – auch wenn sie unter dem Google Dach stehen – autonom. Ich muss also immer Google+ verlassen, um mich den Mails und Terminen zu widmen.

    Ganz davon abgesehen fehlen mir Events nicht bei Google+. Lediglich ein Nachrichtensystem wäre angenehm. Ob GMail das ersetzen kann? Ich bin gespannt.

  5. Ich mag die Circles, denn es ist viel einfacher, Informationen nur mit bestimmten Kontakten zu teilen als bei Facebook.

    Neu ist die Idee aber nicht, Diaspora hat dieses Konzept mit seinen Aspekten auch schon umgesetzt.

  6. Messages?
    Du hast auf jeder Profilseite der Nutzer einen Button “Nachricht senden” aka Email schreiben.

    Und ich gehe davon aus das heftig daran geschraubt wird, alles damit zu integrieren.

  7. Das Potenzial ist natürlich riesig und die ersten Eindrücke gut und solide, versteh mich da nicht falsch. Die Innovation ist allerdings nicht Google+ sondern die Integration in das bestehende Google-Umfeld. Und nur das kann dann wirklich den Ausschlag geben in der Marktführerschaft.

    Rein optisch finde ich Google+ ansprechender und es wirkt für die erste Version schon sehr weit. Mal sehen, ob’s am Ende reicht.

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