Deutscher Radiopreis 2010: Gemischte Gefühle

Adel Tawil und Jochen Trus (Bester Moderator) / Bild: NDR/Marco Maas

Ich saß auf meiner Couch bei einer Tasse Tee. Nachdem ich am Abend nur selten dazu gekommen bin, den Deutschen Radiopreis im Internetlivestream zu verfolgen, entschied ich mich, die Wiederholung um Mitternacht im NDR Fernsehen anzuschauen. Um Mitternacht. Das spricht nicht unbedingt für einen hohen Stellenwert des Radiopreises an sich.

Das Event war eine Gala, die sich an üblichen Preisverleihungen orientierte. Wenige Änderungen zu den Goldenen Kameras dieser Welt. Eine Moderation, eine Laudatio, eine Preisübergabe, eine Dankesrede. Dazwischen Live-Acts wie Phil Collins oder Lena Meyer-Landrut. Die Moderation der Veranstaltung übergab man Kathrin Müller-Hohenstein, die es bei diesem Publikum nicht unbedingt leicht hatte. Denn zum Einen schienen die Anwesenden etwas lustlos zu sein und permanent zu gackern. Zum Anderen kommt Müller-Hohenstein aus der gleichen Zunft und da wird doch genauer und kritischer hingeschaut.

Meine Eindrücke

Kathrin Müller-Hohenstein hat das ordentlich gemacht. Zwar gab es verhältnismäßig viele Versprecher, dennoch führte sie souverän durch den Abend.

John Ment wurde mit einem Sonderpreis ausgezeichnet, im übertragenen Sinne mit dem Preis für sein Lebenswerk. Der Mann steht seit über 20 Jahren zu einer unmenschlichen Uhrzeit morgens auf und moderiert für Radio Hamburg eine wirklich tolle Morgensendung. Schön, dass das honoriert wurde.

Wieso es die “Beste Morgensendung” von radioeins nötig hatte, mit vorher ausgedachten Witzen den Preis entgegen zu nehmen, ist mir ein Rätsel. Dass man sich auch einfach ehrlich freuen kann und ungekünstelt, zeigte dagegen Christine Westermann (Bestes Interview, WDR 2)

Ein Radiostudio stand auf der Bühne, aus dem die Radiohörer bundesweit versorgt wurden. Im Fernsehen wirkte die kleine Sprecherkabine aber etwas billig und war schlecht ausgeleuchtet. Einige Laudatoren und Künstler gesellten sich zu Thomas Mohr und Susanka Bersin (die eigentlich Susanne heißt) in das Radiostudio. Diese Szenen wirkten alle relativ unprofessionell und improvisiert.

Phil Collins wurde als einer der meistgespielten Interpreten im deutschen Radio mit einem Sonderpreis des Beirats gewürdigt. Allerdings bin ich mir noch unsicher, ob man Künstler bei einem brancheninternen Preis unbedingt auszeichnen muss. Dafür gibt es bereits so viele Musikpreise.

Antenne Bayern bekam ebenfalls einen Sonderpreis. Und da musste ich etwas schlucken. Antenne ist der reichweitenstärkste Radiosender in Deutschland. Er erreicht in einer Durchschnittsstunde über eine Million Zuhörer. Davor kann man nur den Hut ziehen. Doch die Begründung der Grimme-Jury, Antenne Bayern würde eine “beeindruckende redaktionelle Kreativität” an den Tag legen, kann ich nicht teilen. Das mag vielleicht bei der Abteilung der On-Air-Promotion so sein, aber redaktionell hat Antenne in den letzten Jahren meiner Meinung nach stark abgebaut.

Die Bundesligakonferenz der ARD wurde ebenfalls ausgezeichnet, mit dem Preis für das “Beste Sportformat”. Genauer gesagt die Sendung Liga Live auf WDR 2. Gut, ich bin hier natürlich befangen, dennoch möchte ich zwei Sachen anmerken: Auch mich hat die Bundesligakonferenz der ARD in meiner Kindheit und Jugend begleitet. Diese Institution hat eine große Tradition und brachte viele große Namen hervor, tolle Persönlichkeiten, die den Fußball gelebt haben. Aus diesem Grund ist der Preis sicher angebracht gewesen. Andererseits bietet 90elf eine deutlich umfassendere Berichterstattung, eine neunzig-minütige Konferenz der Bundesliga und der 2. Bundesliga. Alle Spiele können zudem einzeln gehört werden oder in einer persönlich konfigurierbaren Konferenz. Das ist konkurrenzlos. Und ja, ich bin natürlich voreingenommen. Es sei mir verziehen. Trotzdem bleibt zu sagen, dass die ARD-Kollegen eine sehr gute Arbeit leisten.

Viele der Preise gingen tatsächlich an herausragende Leistungen. Erwähnt sei an dieser Stelle die “Beste Recherche” mit Bonga Boys. Global Village Stories. Hier hatte die Grimme-Jury eine gute Wahl getroffen und den richtigen Leuten die Trophäen zugesprochen. Auch die “Beste Innovation” für eine Serie von on3-radio geht absolut in Ordnung. Hier hatte ich allerdings den Buntfunk von MDR SPUTNIK vorne gesehen.

Fazit

Im Großen und Ganzen war die Premiere des Deutschen Radiopreises gelungen. Eine solche Auszeichnung, bei der sich öffentlich-rechtliche und private Sender gleichermaßen beteiligen, war überfällig. Neben den ganzen kleinen Preisen von Landesmedienanstalten, Stiftungen und Verlagen, ist sie eine Bereicherung. Ich hoffe, dass daran festgehalten wird.

Alle Preisträger findet ihr hier in einer Übersicht

17 Kommentare zu “Deutscher Radiopreis 2010: Gemischte Gefühle

  1. Ich hab mir in meinem Blog ebenfalls Gedanken zum Thema gemacht und sehe die Verleihung in einigen Punkten etwas anders als Du. Allerdings habe ich auch nur die Übertragung im Radio gehört, möglicherweise liegt das daran. ;)

  2. Leider hat der Preis so gut wie gar keinen Stellenwert, kein Wunder also das man ihn fast nirgendwo sehen konnte. Dafür muss man aber sagen man hat das beste daraus gemacht und man sollte sich für nächstes Jahr etwas einfallen lassen um die Preisverleihung etwas interessanter und populärer machen,…

  3. An sich echt gut gelungene Preisverleihung mit tollen Auftritten aber man hat ja echt nichts davon gehört, der Radiopreis müsste medialer viel besser angekündigt werden damit es mal eine große Gala wird aber ich bin mir nicht sicher ob man das überhaupt will…

  4. Ich finde du hast das ganze wirklich perfekt zusammengefasst, ich habe bis einen Tag vor der Verleihung nicht einmal gewußt das der Radiopreis stattfindet, das sagt wohl schon alles über die Medienpräsenz.

  5. Ich finds Schade das der Prei überhaupt keinen Stellenwert hat, jeder hört doch Radio, und keiner nimmt die Auszeichnungen wirklich war, da sollte sich wirklich was tun!

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