Heute vor einer Woche wurde die Geiselnahme in der Leipziger H&M-Filiale ohne Zwischenfälle beendet – zum Glück. Ich war zufällig in der Innenstadt, als die Einsatzkräfte anfingen, das Gelände abzusperren. Via Twitter habe ich als Erster über die Geiselnahme berichtet und schilderte meine Eindrücke. Das Echo darauf war groß, ich bekam positives und negatives Feedback, einige Twitteruser, mit denen ich das Gespräch suchen wollte, hatten mich bereits geblockt. Andere wiederrum empfahlen mir einen Job bei der BILD-Zeitung. Viele bedankten sich für die Informationen, weil sie durch die Informationslage verunsichert waren. Ich habe mir im Anschluss viele Gedanken gemacht über die Verhältnismäßigkeit von Echtzeit-Nachrichten, über Gefahren und Risiken, über Medienethik und Mediennutzung. Angeregt von vielen kritischen Stimmen möchte ich an dieser Stelle die Diskussion eröffnen. Denn eines ist auch klar: wann immer es um Ethik geht, gibt es kein richtig oder falsch.
Bei der Verbreitung von (Echtzeit-) Informationen stellen sich im Grunde folgende Fragen:
1. Wie schnell müssen Informationen verbreitet werden?
2. Wie detailgetreu dürfen solche Informationen sein?
3. Welche Informationen interessieren wirklich? (Frage nach der Relevanz von Neuigkeiten)
4. Behindern Informationen die Arbeit der Polizei oder verschaffen sie dem Täter einen Informationsvorsprung?
Jeder muss sie für sich selbst beantworten, einen Konsens zu finden, mit dem alle leben können, wird vermutlich nicht möglich sein. Ich werde später dennoch meinen Standpunkt dazu schildern.
Im Folgenden werde ich einige Tweets und Kommentare in Blogs und Artikeln zitieren und Stellung beziehen. Anfangen möchte ich mit einem Artikel auf evangelisch.de. Henrik Schmitz schreibt in der Überschrift Twitter versagt als Alternative zu etablierten Medien und fängt schon zu Beginn an, in die falsche Richtung zu denken. Twitter hat gar nicht das Bestreben oder den Anspruch eine Alternative zu etablierten Medien darzustellen. Twitter ist in erster Linie eine Kommunikationsplattform, höchstens eine Ergänzung zu anderen Medien. Aber gut, ziehen wir einmal den direkten Vergleich.
In Schmitz’ Artikel heißt es:
Keinesfalls nämlich war Twitter den Medien irgendwie voraus, sondern meist einen kleinen Schritt hinterher. Der Nutzer des Bloggingdienstes, denen sich die Chance bot, sich als Alternative zum professionellen Journalismus zu etablieren, haben versagt.
Was bedeutet in diesem Zusammenhang den anderen Medien voraus zu sein? Zumindest in der Schnelligkeit der Informationverbreitung war Twitter die Nummer Eins. Dass überhaupt etwas passiert ist, konnte man zunächst dem Kurznachrichtendienst entnehmen. Der inzwischen verkaufte Nachrichtensender N24 war ca. eine halbe Stunde später dran. Aufgrund mangelnder Verfügbarkeit von Fotos griff N24.de auf ein Foto meines Kollegen zurück, das auf Twitpic hochgeladen wurde. Lediglich die Quelle wurde angegeben, eine Nachfrage, ob man das Foto verwenden dürfe, blieb aus. Während RTL und andere Fernsehkollegen noch versuchten, Zufahrtswege zum Ort des Geschehens zu finden, berichteten viele Twitterer und schilderten ihre Eindrücke. In Leipzig gab es ein starkes Interesse danach, was da gerade passiert. Ist es also verwerflich zu schildern, was man sieht?
Es hängt natürlich davon ab, wie man etwas schreibt und wieviele Informationen man in einen solchen Tweet packt. Ich habe die Timeline bei Twitter kaum verfolgen können, daher kann ich nur für mich sprechen. Bei meiner Berichterstattung auf Twitter – ja, es war eine Berichterstattung – versuchte ich so sachlich wie möglich zu sein. Einige User fragten mich, ob es nicht gefährlich wäre, Informationen über die Anzahl der Polizisten zu veröffentlichen. Zugegeben, im Nachhinein habe ich mir auch die Frage gestellt, ob der ein oder andere Tweet nicht zuviel preisgegeben hat. Auch wenn ich nicht davon ausgegangen bin, dass ein Täter, der einen verwirrten Eindruck macht und als Einzeltäter in dieser Filiale sitzt, sich die Mühe macht, Twitter zu nutzen. Da wären anderen Kanäle wie Fernsehen und Radio leichter zu handhaben. Trotzdem: Manchen Tweet würde ich wohl nicht mehr wiederholen.
Henrik Schmitz geht in seinem Artikel auf “Falschinformationen” ein, die meiner Meinung nach kein spezielles Twitter-Problem sind, sondern ein Problem der gesamten Zunft. Die fehlende Validität zum Beispiel, die einen nicht wissen lässt, ob jemand wirklich vor Ort ist und tatsächlich mit Personen gesprochen hat.
Wahrheit und Lüge stehen bei Twitter gleichberechtigt nebeneinander. In der Regel fehlen Quellenangaben für die Informationen, so dass man vielen Meldungen nicht trauen kann.
Ein Twitterproblem? Schmitz sollte sich mit den Autoren des BILDblogs kurzschließen. Auch seine Behauptung, bei Twitter herrsche Chaos, weil eine Vielzahl von Informationen eintreffen, die man nicht zuordnen kann, erschließt sich mir nicht. Das wäre so als würde ich in den Zeitschriftenladen gehen und behaupten, die dort vorhandenen Informationen in Tageszeitungen würden mich mehr verwirren als informieren. Der Filter ist der Schlüssel zum Erfolg, ihn muss man aber zu nutzen verstehen.
In einem LVZ-Blog von Daniel Große, der ebenfalls die Twitteraktivitäten während der Geiselnahme beleuchtete, schrieb der User “Rene” folgendes:
Halleluja! Da wären wir wieder! Die neue Generation der Echtzeit-Journalisten. Haben wir gestern die Zeitungs- Radio und Fernsehfritzen wieder mal so richtig alt aussehen lassen. Selbst die Schuld wenn die immer solange brauchen. Der Bürger will schließlich informiert werden. „Ist da grad ein Schuss gefallen? Vielleicht! Vielleicht auch nicht!“. Zweifellos, solche Informationen braucht der Bürger um gut informiert zu sein.
Soweit so schlecht und letztlich wie immer. Eine Netzgemeinde die sich mal wieder völlig überschätzt und nicht in der Lage ist über ihr eigenes Handeln zu reflektieren. Alles was der kritische Beobachter anmerkt wird mit Allgemeinplätzen wie “Müsst ja Twitter nicht benutzen” oder “Nee der Geiselnehmer liest bestimmt kein Twitter” abgetan.
Nicht nur, dass der Nutzer fehlerhaft zitiert, er wird im Verlauf seines Kommentars immer persönlicher:
Wie kommen allen Ernstes Leute wie Konstantin Winkler dazu sich wie Gaffer zu gerieren und minutiös über Scharfschützen, ins Haus gehende SEK Beamten und ihrer Bewaffnung zu twittern? Reicht der Horizont solcher Menschen eigentlich noch weiter als bis zum Display vor ihnen?
Lieber wird der moralische Zeigefinger gehoben. MrFanning2010 macht Werbung mit der Geiselnahme. Das kann man verwerflich finden aber im Vergleich zu den Tweets von Herrn Winkler und all den anderen Pseudo-Journalisten eben absolut unkritisch.
Nun bin ich seit über zehn Jahren journalistisch tätig, habe ein abgeschlossenes Volontariat, landesweit und öffentlich-rechtlich gearbeitet und will mich nicht unbedingt mit der Formulierung “Pseudo-Journalist” anfreunden. Eine an die Tat angelehnte Werbung via Twitter mit einer sachlichen Berichterstattung zu vergleichen aber, hinkt in meinen Augen. Selbst wenn der User, der sich “Rene” nennt, seine Kritik an einer Twitter-Berichterstattung äußert – was sein gutes Recht ist – sind das doch zwei Paar Schuhe.
Das Medium Twitter steht und fällt mit der Kompetenz der Nutzer und gestern war ein ganz erbärmlicher Tag.
Viele Informationen kamen zunächst über den Kurznachrichtendienst. Sie flossen auch in die Berichterstattung anderer Medien ein. Ergänzt mit einigen Informationen aus der Pressestelle der Polizei bildeten sie die Grundlage der Nachrichten.
In der Zeit während der Geiselnahme hatte ich einen Followerzuwachs von etwa 400 Menschen. Ich konnte mir schon denken, dass die Zahlen ansteigen würden, bewusst geworden ist es mir aber erst später. Auch weil mein Handyakku schnell nachgab. Hier einige Replys, die mich während der Geiselnahme ereilten. Lesen konnte ich die meisten erst im Nachhinein:
percanta: @Konni lösch das! Du weißt nicht, wer Dich liest, auch Geiselnehmer haben internetfähige Handys!
eisbaerlin: @Konni Er könnte ja auch eine Geisel beauftragen,ihm das vorzulesen.Es besteht die Frage, ob das Medium Twitter hier mehr schadet als nutzt.
BrandNewWelt: @Konni beweist, dass er sich als Journalist fühlt = inakurrate aufpustende Sprache incl. “Maschinengewehre …” Ne is klar.
sebastianbusch: @Konni berichtet sehr gut & sachlich von Leipzig. Davon können sich viele eine Scheibe abschneiden…
CptHell: Der Horror aller einsatztaktiker: übereifrige Journalisten wie @konni da hoff ma mal das der Täter kein twitter nutzt
AngeloutsideRK: @CptHell die Medien sind alle selber vor ort. Radio und tv berichten. Medien die der täter leichter zugänglich hat. ich find @Konni gut
ritman77: Mein persönlicher Held heute @konni für ein paar Informationen.
noidea_hh: @Konni Ein Täter der gewitzt ist braucht auch kein Twitter (Berichterstattung ist schließlich nur Zufall!) sondern einen Komplizen vor Ort.
Für den Faux Pas mit den Maschinengewehren hatte ich mich noch im Laufe des Nachmittags entschuldigt. Die Polizei agiert nämlich mit Maschinenpistolen.
Doch kommen wir zu einer elementaren Frage: Wie zeitnah müssen Nachrichten verbreitet werden? Meiner Meinung nach so schnell wie möglich. Das liegt in der Natur der Sache. Neuigkeiten, die einen erst am nächsten Tag ereilen, haben eine geringere Relevanz als aktuelle Geschehnisse. Sie sind keine Neuigkeiten mehr. Erst recht bei Onlinemedien, da das Internet einen schnellen Informationsfluss besitzt und sich das Nutzungsverhalten völlig anders gestaltet als bei den konventionellen Medien. Twitter ist prädestiniert für eine schnelle Verbreitung von kurzen Informationen. Genau das ist die Stärke des Dienstes und sie wurde eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Die Relevanz kann jeder für sich selbst bestimmen, wie bei anderen Informationen auch. Das Einordnen dieser Informationen ist dann die Aufgabe der klassischen Medien. Diese haben aber während der Geiselnahme zunächst auf Informationen aus Twitter zurückgegriffen. Selbst im Anschluss an die Tat blieb eine Einordnung aus. Fragen könnten sich die Verantwortlichen durchaus, weshalb die eigenen Kapazitäten nicht ausreichten, den Vorfall redaktionell aufzubereiten. Vielleicht überfordert die inzwischen geforderte Schnelligkeit die Redaktionen. Vielleicht wird aber einfach nur an der falschen Stelle gespart. Twitter jedenfalls hat im Rahmen seiner Möglichkeiten durchaus sein Potenzial gezeigt.