Das neue Jahr beginnt

Zwei Wochen Urlaub gingen vor genau einer Woche zu Ende. Während dieser Zeit habe ich viele Freunde getroffen und war entgegen meinem Naturell fast jeden Tag unterwegs. Normalerweise versuche ich im Urlaub nämlich so wenig wie möglich zu machen, um mich ausreichend zu entspannen. In der Weihnachtswoche gab es neben dem jährlich stattfindenden Treffen im Coal Club auch ein tolles Abendessen mit der Clique beim Mexikaner. Tine lud außerdem am zweiten Weihnachtsfeiertag zu sich ein und wir erinnerten uns mit Freude an alte Schulzeiten. So sehr gelacht wie an diesem Abend habe ich schon lange nicht mehr.

Die Silvesterplanung hat sich am Ende dann spontan ergeben. Es ist nicht so, dass BA und ich uns nicht schnell entscheiden wollen – wir können es einfach nicht. Irgendwie hatten wir beide Lust auf Wien und auf der anderen Seite hatten wir auch beide zu tun und hätten die Zeit gut brauchen können. BA bei der Diplomarbeit, ich beim Umzug. Trotzdem fuhren wir am 31. Dezember in die österreichische Metropole. Nach einem Weichendefekt kamen wir gegen 20:45 Uhr mit 30 Minuten Verspätung am Westbahnhof an.

In diesem Moment erfuhr BA, dass sein Vater einen Unfall auf der Treppe hatte. Die Stimmung war verständlicherweise nicht auf dem Höhepunkt. Doch nach einigen Telefonaten stellte sich heraus, dass wohl nichts Schlimmeres passiert ist. Mit diesem Wissen ging es in BAs Wohnung, in der wir uns winterfest umzogen. Mit fünf Lagen Klamotten, vielen Socken und einer kleinen Flasche Piccolo-Sekt begaben wir uns auf den Kahlenberg, um das Silvesterschauspiel von oben aus zu betrachten. Diese Idee hatten neben uns ca. 300 Menschen, was zwar schön war, aber dennoch nicht ausreichend wärmte. Der Blick auf Wien und die Feuerwerkskörper war einmalig. Für einen Moment vergaß ich die frostige Kälte, die sich durch meine Klamotten bohrte, und hielt inne, dachte über die bewegensten Momente 2007 nach, vergoss eine Träne. Zitternd versuchte ich ohne Stativ Fotos von der Stadt zu schießen, was mir überwiegend mislang.

Gegen 1 Uhr versuchten BA und ich ein Taxi zu organisieren, um vom Berg wieder runter zu kommen, zumindest bis zur nächsten Bus- oder Straßenbahnhaltestelle – vergeblich. Ein Auto auf einem Großparkplatz fiel uns auf, vor dem ein etwa 40 Jahre alter Mann mit einer Sektflasche hantierte. Die beiden Frauen im Auto sahen sympathisch aus, also fragten wir, ob sie uns ein Stück mitnehmen. Kurze Zeit später saßen wir im Auto. Vorne die beiden Mädels, hinten Oliver, der Mann, der den Sekt in der Hand hielt. Er ist Buchautor und kam vor vielen Jahren aus Hamburg nach Wien. Ein Brand in seinem damaligen Restaurant und die nicht vorhandene Versicherung raubten ihm seine Existenz. Nun schreibt er ein Buch, wie er uns selbstsicher erzählte. An seinem Werk über Magie sitze er schon seit über einem Jahrzehnt und werde es bald veröffentlichen. Er persönlich schreibe der östlichen Magie mehr Wahrheit zu als der westlichen. Oliver schilderte uns seine Fähigkeiten und behauptete durch Meditation “überdurchschnittliche Körperwärme” erzeugen zu können. Fieber meinte er hier übrigens nicht. Wie die knapp 40 minütige Fahrt weiter ging, kann sich vermutlich jeder denken. Am Ende wussten BA und ich, dass nicht nur Oliver, sondern auch die beiden Mädels bereits Nahtoderfahrungen hatten und sicher nicht das erste Mal auf der Welt sind.

Die zweite Station in der Silvesternacht waren noch Freunde von BA, die uns zu einem Cocktail einluden. Da wir aber den Donnerstag nicht zu sehr mit Schlafen verbringen wollten, war die Nacht für uns um drei zu Ende. Wir fuhren mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Wohnung.

Schrieb ich eben, dass wir nicht zu lange schlafen wollten? Um 13 Uhr kroch ich aus dem Bett. Am Donnerstag stand mein erster Geocache auf dem Programm. BA hatte bereits ein wenig Erfahrung auf diesem Gebiet und so fuhren wir zum Zentralfriedhof, um uns an einem Multicache zu versuchen. In der Straßenbahn saßen drei Mädels, die an der selben Haltestelle ausstiegen wie wir. Auf dem Friedhof trafen wir die Mädchen wieder, an einer Kirche, ausgestattet mit einem GPS-Empfänger. Auch sie waren am geocachen, allerdings unterwegs zu einem anderen Ziel. So gingen wir dann nach einem kurzen Plausch getrennte Wege. Die Zeit drängte, in weniger als einer Stunde schloss der Zentralfriedhof, aber wir schafften es dennoch alle nötigen Stationen abzugehen, um die Koordinaten für den Final-Cache zusammenzustellen. Unglücklicherweise nahmen wir den falschen Ausgang. Die Koordinaten zeigten genau auf die andere Seite des Friedhofs, den wir nach 17 Uhr nicht mehr durchqueren durften. Unsere Alternativroute führte also einmal um den Friedhof herum. Es kam alles anders als gedacht. Nach einem langen Fußweg über einen Acker, den wir bei Google Maps nicht sahen, standen wir direkt vor einer Mauer. Nachdem BA einen seiner Handschuhe beim Versuch einen Blick über die Mauer zu werfen, verloren hatte, entschlossen wir uns über das Hindernis zu klettern und unser Glück auf der anderen Seite zu versuchen. Hier führte uns ein Weg direkt zum Cache. Wie lange wir für diesen relativ harmlosen Cache gebraucht haben, werde ich an dieser Stelle lieber nicht erwähnen. Immerhin konnte ich meinen Geocoin “Greek Wanderer” im Cache deponieren. Auf das Thema Geocaching werde ich in einem eigenen Artikel näher eingehen.

Vom Erfolg gestärkt nahmen wir den Rückweg auf und holten BAs Oma zum Abendessen ab. Für ihre 92 Jahre ist sie unglaublich aktiv. Sogar so sehr, dass sie anschließend bei unserem Casinobesuch dabei war. Finanziell gesehen war der Abend für mich weniger erfolgreich, dafür brachte er aber BA einige Euro ein. Mit dem Taxi ging es dann zurück in die Wohnung, in der wir dann viel zu lange an unseren Laptops saßen und im Netz unterwegs waren.

Übermüdet starteten wir in den Freitag, mit dem Vorhaben bei der Rückfahrt in Linz Zwischenhalt zu machen und bei der Neueröffnung des “Ars Electronica Centers” dabei zu sein. Das “Museum der Zukunft” zeigte beeindruckende Technologien. Die Besucher konnten mit Hilfe ihrer Gedanken einen Computer Buchstaben schreiben lassen oder Roboter mithilfe eines iPod touch steuern. Am meisten beeindruckt hat mich jedoch der sogenannte “Deep Space”. In einem Raum mit acht Full-HD-Projektoren und Leinwänden, die sich auch am Boden erstrecken, tauchen die Besucher in fantastische Welten ein oder können kunsthistorische Werke als Giga-Pixel-Aufnahmen in einem ungekannten Detailreichtum bewundern. In der Tat ist es faszinierend, wie diese 16.118.035.591 Pixel wirken, wenn man scheinbar grenzenlos hinein zoomen kann. Eines dieser Fotos hat eine Dateigröße von 60 Gigabyte, zur Verfügung steht zum Beispiel “Das letzte Abendmahl” von Leonardo da Vinci.

Mit dem Euronight und einer halben Stunde Verspätung ging es dann zurück nach Nürnberg. Etwas erschrocken haben wir uns bei der Ansage “The train is leaving now”, obwohl wir laut Anzeigetafel noch gute zehn Minuten Zeit gehabt hätten. Diese Ansage stellte sich im Nachhinein zum Glück als falsch heraus. Diese drei Tage in Österreich kamen mir vor wie eine ganze Woche. Die Erlebnisse waren so prägend, das BA und ich uns noch heute schmunzelnd über die Vorkommnisse unterhalten. Vor allem Oliver schwebt noch in unserem Kopf.

Die Fotos werden bald online sein. Ich bitte noch um etwas Geduld.

Geschrieben von Konstantin Winkler

Kommt aus Nürnberg und lebt in Leipzig. Seit 1996 Journalist und Moderator, aktuell für das Fußballradio 90elf. Blogger, Gamer, Basketball-Schiedsrichter.

2 Kommentare zu Das neue Jahr beginnt

  1. Stefan sagt:

    Sehr schöne Schilderung des Jahreswechsels, Herr Winkler!
    Kleine Anmerkung zu eurer Mitfahrgelegenheit, dem Magie-Onkel: Deiner Schilderung nach ist der Typ zwar ziemlich esoterisch angehaucht (“ein Werk über Magie”), mit einer Sache hat er aber Recht: Es ist tatsächlich möglich, durch Autosuggestion bestimmte körperliche Zustände herzustellen – also beispielsweise eine Muskelentspannung oder eben auch die erwähnte, tatsächlich messbare “überdurchschnittliche Körperwärme”. Möglich ist das beispielsweise durch Entspannungstechniken wie autogenem Training. Und das sogar wissenschaftlich fundiert und anerkannt. Aber auf das Buch dieses Eso-Onkels bin ich trotzdem gespannt ;-)

  2. Jörn sagt:

    Na ja, wenn er schon zehn Jahre dran schreibt, sollte man meinen, dass was ordentliches dabei raus kommt. Meist ist es bei solchen Autoren aber ja eher so, dass das Gegenteil der Fall ist.

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